Am Vorabend zum Tag der deutschen Einheit soll die Reihe mit Filmen aus und über die DDR fortgesetzt werden. Im Zentrum steht Andreas Goldsteins Der Funktionär (D 2019), eine Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem DDR-Politiker Klaus Gysi (1912-1999) Dazu gibt es vier Kurzfilme über Heimkinder und andere Menschen, über Landschaften und ihre Bewohner, produziert vom DEFA-Studio für Dokumentarfilm.

Der Sekretär

DDR 1967, DCP, s/w
Regie: Jürgen Böttcher
29 Min., deutsche Fassung

Porträt eines selbstlosen Parteisekretärs namens Gerhard Grimmler, der im sächsischen Chemiewerk „BUNA“ seinen Dienst versieht. Von früh bis spät streift er durch die Fabrikhallen, spricht mit den Arbeitern, nimmt an deren persönlichen Problemen ebenso Anteil wie an den Schwierigkeiten in der Produktion. Sich selbst scheint Grimmler am wenigsten wichtig zu nehmen.

Der Funktionär

Deutschland 2019, DCP, in Farbe und s/w
Regie: Andreas Goldstein
72 Min., deutsche Fassung

Klaus Gysi war einer der führenden Kulturpolitiker der DDR. 1912 geboren, war er zwei Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begann. Als er sechs war, brach das Kaiserreich zusammen. Mit 15 sah er vor dem Fenster der elterlichen Wohnung einen erschossenen Arbeiter auf der Straße liegen. Er trat dem kommunistischen Jugendverband bei, später der kommunistischen Partei. Bis 1945 lebte er illegal in Berlin. Dann machte er im sozialistischen Deutschland Karriere, Abstürze inbegriffen. Er war Verlagsleiter, Kulturminister, Botschafter, Staatssekretär für Kirchenfragen. Ein Meister der Gesten und des geschickten Taktierens im sozialistischen Apparat. 1988, kurz vor dem Ende der DDR, entließ ihn die Partei aus dem Staatsdienst. 1999 starb er.

Knapp 20 Jahre nach seinem Tod und 30 Jahre nach dem Niedergang der DDR hat sein Sohn Andreas Goldstein (geb. 1964) einen Film über ihn gedreht. Ein Vaterfilm, aber kein Porträt, schon gar keine Biografie, sondern ein notwendiges Bild der eigenen historischen Erfahrung, die im Biographischen, in Erinnerungsstücken und Filmdokumenten gespeichert ist. Ein ungewöhnlicher Blick aus den späten 1980er-Jahren heraus auf die Geschichte der DDR mit einer Fülle von Fotos, Archivmaterial aus dem DDR-Fernsehen und Aufnahmen aus Ostberlin montiert von Chris Wright.

Heim

DDR 1990, DCP, s/w
Regie: Angelika Andrees, Petra Tschörtner
25 Min., deutsche Fassung

Jugendliche aus einem Kinderheim im Schloss Mentin in Mecklenburg berichten von prekären Familienverhältnissen und häuslicher Gewalt. Viele sind Kinder von alkoholkranken Eltern, manche von ihnen sind selbst gefährdet. Offen sprechen sie über das, was hinter ihnen liegt, und über ihre Sehnsüchte nach einem besseren Leben. Der Film zeigt die Jungen und Mädchen in der Gemeinschaft und bei der Suche nach persönlichem Freiraum. Mit einem Fest zum Beginn der Sommerferien endet nicht nur das Schuljahr, für viele Kinder und Jugendliche bedeutet dies für immer das Heim zu verlassen, um ihren eigenen Lebensweg einzuschlagen, oder kurzfristig ins Elternhaus zurück zu kehren.

Gustav J.

DDR 1973, DCP, s/w
Regie: Volker Koepp
19 Min., deutsche Fassung

Gustav Jurkschat ist 80 Jahre alt und lebt gemeinsam mit seiner Frau im mecklenburgischen Bad Doberan. Gebürtig in Litauen verschlug es ihn, den gelernten Schmied, „von Ostpreußen in die russische Steppe, von den Wolgaschiffen wieder nach Ostpreußen und auf verschlungenen Wegen nach Bad Doberan“, wo er Volker Koepp aus seinem Leben erzählt. Dem verschmitzten Charme, mit dem er auf deutsch berichtet und auf russisch singt, weshalb er aus Liebe schreiben lernte oder wie er seine Zeit als Gehilfe auf einem russischen Passagierschiff erinnert, ist man schnell erlegen, und es ist nur richtig, wenn Eduard Schreiber bemerkt, dass mit Gustav J. ein Typ in den Dokumentarfilm getreten sei, „den es so bis dahin nicht gegeben hat.“ (DEFA-Stiftung)

An der Unstrut

DDR 1985, DCP, in Farbe
Regie: Volker Koepp
28 Min., deutsche Fassung

Memleben im Unstruttal (heute Sachsen-Anhalt) war vor mehr als 1000 Jahren Mittelpunkt Europas, Lieblingspfalz und Sterbeort des ersten deutschen Königs Heinrich I. (um 875-936) und seines Sohns Otto I. (912-973). Die Klosterruine, die Burgruine Wendelstein erinnern an Vergangenes. Der Schauspieler Rolf Hoppe liest Texte von den Schriftstellern Willibald Alexis, Friedrich Hölderlin, Johannes Bobrowski und Wladimir Majakowski. In den 1980er Jahren prägen auch das Zementwerk, die Abraumpyramide des Kalischachts „Heinrich Rau“ und das volkseigene Gut mit seinem Getreide- und Weinanbau das Gesicht der Landschaft und die Lebensweise der Menschen. Arbeiter aus dem Kalischacht, ein Schäfer und eine Mitarbeiterin für Umweltschutz im Kulturbund sowie junge und ältere Menschen kommen zu Wort. (DEFA-Stiftung)